Eine der größten Herausforderungen der Zukunft wird gerade im ländlichen Raum die Sicherstellung der Mobilität sein. In ganz besonderem Maße gilt das für Waldeck-Frankenberg, den flächengrößten Landkreis Hessens, mit der nach dem Vogelsbergkreis geringsten Besiedlungsdichte.
Die Bedeutung der Thematik veranlasste den SPD Unterbezirksvorstand Waldeck-Frankenberg, sich in einer Sitzung intensiv damit auseinanderzusetzen. „Das Problem, vor dem wir stehen, ist dadurch charakterisiert, dass sich ein kostendeckender flächendeckender öffentlicher Personennahverkehr nicht realisieren lässt“, erläuterte Unterbezirksvorsitzender Dr. Christoph Weltecke (Korbach). „Die Intervalle zwischen den Fahrten sind daher oft zu groß, die Kosten unangemessen hoch, so dass viele Bürgerinnen und Bürger den Individualverkehr bevorzugen“. Angesichts des demografischen Wandels müsse man aber innovative und bedarfsgerechte Angebote beim ÖPNV vorhalten, um insbesondere die Mobilität älterer Menschen zu garantieren, die vielleicht nicht mehr das eigene Auto nutzen wollen.
In einem Modellversuch in drei Regionen erprobt der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV) derzeit das Projekt „Mobilfalt“ (eine Wortneuschöpfung aus Mobilität und Vielfalt), das eine Verknüpfung von Individualverkehr mit den anderen Angeboten, die der NVV regulär auf dem Fahrplan hat, vorsieht. Also Anrufsammeltaxis, Bürgerbusse, Busse, Tram/RegioTram oder Zug. Die fahrplangebundenen Systeme sollen im Mobilfalt-Projekt um Fahrten im Auto oder Taxi ergänzt werden. Der Unterbezirksvorsitzende hatte den Geschäftsführer des NVV Wolfgang Dippel eingeladen, um das Pilotprojekt vorzustellen.
Dippel erläuterte zunächst die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Bevölkerungsstruktur. Bis 2030 werde die prognostizierte Einwohnerzahl in den nordhessischen Landkreisen um 11 bis 18 Prozent zurückgehen. Die Gruppe der unter 19jährigen werde um 19 Prozent schrumpfen während die über 60jährigen einen Zuwachs von 25 Prozent verzeichnen könnten.
Dies werde zwangsläufig zur Konzentration von Arbeitsplätzen und Versorgungseinrichtungen sowie zu Zentralisierungen in der Schullandschaft führen. Ein steigendes Mobilitätsbedürfnis sei die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Mobilfalt solle vor diesem Hintergrund eine neue Flexibilität sowohl für Anbieter als auch für Nutzer schaffen. Das System werde gerade in den drei Pilotregionen Sontra/Nentershausen/Herleshausen im Werra-Meißner-Kreis, Niedenstein im Schwalm-Eder-Kreis und Witzenhausen getestet. Wie Dippel erläuterte soll von morgens 5.00 Uhr bis Mitternacht jede Stunde ein Angebot erfolgen, das auch bislang nicht berücksichtigte Ziele einbeziehe.
Fahrtanbieter – dies könnten beispielsweise Pendler sein, die regelmäßig eine bestimmte Strecke zur Arbeit fahren- erhalten pro km eine Erstattung von 30 Cent, der Mitfahrer bezahlt für eine Fahrt einen Eigenanteil von 1 Euro, bei längeren Strecken 2 Euro. Dort, wo kein privater Anbieter zur Verfügung steht, springen örtliche Taxiunternehmen ein. Herzstück des Projektes ist ein zentrales Buchungssystem über das alle Fahrten und Nachfragen koordiniert werden können und über das auch der Zahlungsverkehr erfolgt.
Mit einem breiten Spektrum von Marketingaktionen von der Informationsveranstaltung vor Ort bis zum Werbespot im Kino, will er NVV Akzeptanz für das System schaffen. Das Mobilfalt-Angebot soll sich auch kostensenkend auswirken. So wurden beispielsweise für Witzenhausen jährliche Kosten in Höhe von rd. 40.000 Euro für Mobilfalt errechnet. Das gleiche Angebot würde, wenn es nur von Buslinien ausgeführt würde, mehr als das Dreifache kosten, etwa 127.000 Euro.
Das System lebe von der Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, diese entschieden durch ihr Nutzungsverhalten über Erfolg und Misserfolg. Deshalb appelliere man an die Menschen, das innovative Angebot in Anspruch zu nehmen. Dies führe zu einer Erhöhung der Mobilität im ländlichen Raum, zu einer Senkung der Kosten und zu rundum mehr Lebensqualität.
Christoph Weltecke bedankte sich bei Dippel für den informativen Vortrag und dafür, dass er sich der anschließenden intensiven Diskussion gestellt habe. Auch in Waldeck-Frankenberg schaue man mit großem Interesse auf die Pilotprojekte und sei gespannt auf die Ergebnisse, die im Sommer 2014 vorliegen sollen. Mobilfalt sei ein wirklich intelligentes und schlüssiges Konzept, das einmal mehr die Innovationsfähigkeit der nordhessischen Region unterstreiche.

Der SPD Unterbezirksvorstand um Dr. Christoph Weltecke mit dem NVV Geschäftsführer Wolfgang Dippel (Mitte) Martin Lometsch, Steffen Müller sowie Dr. Olaf Winter von der EWF.