F.D.P.-Frontmann Otto Wilke (Adorf) glaubt die „bürgerliche Mehrheit“ in Waldeck-Frankenberg gefährdet, und er sieht die Verantwortung dafür bei den Christdemokraten, die durch ihren Wahlkampf für den hessischen Landtag viel Porzellan zerschlagen hätten und dafür verantwortlich seien, dass es nun in der Bevölkerung des Landes und auch des Landkreises eine Mehrheit links von CDU und F.D.P. gebe. Wilke fordert dazu auf, im „bürgerlichen Lager“ nach einem gemeinsamen Kandidaten für die Position des Landrats zu suchen, der eine Mehrheit bei den Wählern findet und dann eben auch die „bürgerliche Mehrheit“ im Kreistag sichert.
Den SPD-Unterbezirksvorsitzenden Karl-Heinz Stadtler (Vöhl) erstaunt das Beschwören von so viel Bürgerlichkeit, und er kritisiert, dass Wilke schon jetzt und öffentlich zu einem Lager-Wahlkampf auffordert: „Hier die guten Bürgerlichen – dort die bösen Anderen“. Die durchaus bereits vorhandenen Gräben zwischen den Parteien und ihren Fraktionen im Kreis würden tiefer und breiter; dass Wahlergebnisse zur Zusammenarbeit auch über Wilkes Lagergrenzen hinweg zwingen könnten, ignoriert der Adorfer.
Stadtler: „Das Ergebnis der Landtagswahl zeigt: es war falsch und erschwert nun die Regierungsbildung, dass die Parteien bereits vor der Wahl kategorisch die Zusammenarbeit mit mehreren anderen Parteien ausgeschlossen haben.“ Außerdem ist es nach Auffassung des SPD-Vorsitzenden unangemessen, das Lagerdenken von der Bundes- und Landesebene auch auf den Landkreis zu übertragen: „In den überschaubaren Bereichen der Kreispolitik sollten sachpolitische Erwägungen im Vordergrund stehen.“
Auch Stadtlers Stellvertreter Christoph Weltecke (Korbach) kritisiert Wilkes Voreingenommenheit in der Partnersuche. Er sieht den Grund hierfür in Wilkes Sorge, dass die F.D.P. auf Grund ihrer Einseitigkeit und Kompromissunfähigkeit in kreispolitischen Angelegenheiten der letzten Jahre nur in einer Kooperation mit der CDU eine Chance sieht, sich einen gewissen Einfluss zu bewahren. Er erinnert daran, mit welcher Sorge die F.D.P. auch presseöffentlich nach den letzten Kreistagswahlen im Jahre 2006 koalitionspolitische Optionen bekämpft hatte, bei denen die „Pünktchen-Partei“ außen vor geblieben wäre. Weltecke: „Die F.D.P., die einmal sehr zutreffend von einem ihrer Vorsitzenden als ‚Partei der Besserverdienenden’ charakterisiert wurde, sieht ihre Mitwirkungsmöglichkeiten verfliegen, wenn sie keinen Einfluss mehr auf den Landrat und über diesen in den Kreisgremien ausüben kann.“
Hannelore Eckhardt (Bad Arolsen), stellvertretende Unterbezirks- und Fraktionsvorsitzende der SPD im Kreistag, kritisiert, dass Otto Wilke nur im Wahlkampf der CDU bei der Hessen-Wahl die Fehler sehe. Sie meint, dass das, was Wilke eine bürgerliche Mehrheit nennt, im Landkreis mit Sicherheit auch deshalb gefährdet ist, weil gerade diese bürgerliche Mehrheit – und in ihr die F.D.P. noch mehr als die CDU – immer wieder in Nibelungentreue zu Skandal-Landrat Eichenlaub gestanden hat. „Egal ob ‚Sale and Lease Back’, Krankenhaus-Verkauf oder ‚Sonderurlaub’: während die CDU durchaus auch mal gezögert und gezaudert hat, stand die FDP – und in ihr besonders Kreisbeigeordneter Otto Wilke – absolut fest zum Landrat.“ Nicht umsonst sei Wilke von dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Reinhard Kahl immer wieder als der „heimliche Landrat“ bezeichnet worden; in einigen Bereichen der Kreispolitik, die besonders umstritten waren, sie er nicht nur Verstärker, sondern wohl auch Ideengeber des Landrats gewesen. Die SPD werde dies auch im Vorfeld der Landratswahl angemessen zu betonen wissen.
„Da sieht jemand seine Felle wegfliegen“, meint Juso-Vorsitzender Andreas Schaake (Bergheim) und fragt sich vor allem, warum Wilke diese Thematik nicht mit eventuellen Gesprächspartnern in den anderen Parteien persönlich bespricht, sondern sie über die Zeitung von seinen Überlegungen in Kenntnis setzt. „Vielleicht hat er dort zur Zeit keine Gesprächspartner“, spekuliert Schaake.
Unterbezirksvorsitzender Karl-Heinz Stadtler fordert dazu auf, auf Kreisebene ein Klima zu schaffen, in dem Gespräche zwischen allen Parteien und Fraktionen möglich seien.